Konzert mit Schuberts „Winterreise“ am 13.11.2025
13.11.2025
Nebensonnen ©Felipe Menzalla
Franz Schubert WINTERREISE
Julian Prégardien (Tenor)
Daniel Heide (am Hammerflügel von Nanette Streicher, Wien 1825)
Donnerstag, 13. November 2025, 19:30 Uhr
Große Aula der LMU München
Geschwister-Scholl-Platz 1
Er wolle ihnen „einen Zyklus schauerlicher Lieder vorsingen“, kündigte Schubert seinen Freunden im März 1827 an: „Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses je bei anderen Liedern der Fall war.“ Noch auf dem Sterbebett brachte er im November 1828 Korrekturen an der Winterreise an, die ̶ geschrieben auf hochexpressive Gedichte von Wilhelm Müller ̶ zum berühmtesten Liederzyklus der Musikgeschichte werden sollte.
Im Konzert des Instituts für Musikwissenschaft der LMU München am 13. November wird die Winterreise so originalgetreu wie selten zu hören sein. Julian Prégardien, der Lied- und Oratorieninterpret von Weltrang mit besonderer Neigung zu Schubert, singt die Lieder in der hohen, nämlich Tenor-Lage, für die sie komponiert wurden. Daniel Heide begleitet auf einem der schönsten Wiener Hammerflügel der Schubert-Zeit, der noch spielbar ist: dem 1825 von Nanette Streicher & Sohn erbauten oberschlägigen Flügel des Instituts für Musikwissenschaft, dessen 200. Geburtstag wir dieses Jahr feiern können. Schuberts Klaviersatz klingt darauf in genau der reichen Farbigkeit, die Schubert sich für die Winterreise vorstellte.
Der Eintritt zum Konzert ist frei, doch bitten wir am Ausgang freundlichst um Spenden.
Im Vorfeld des Konzerts geben Julian Prégardien und Daniel Heide einen Winterreise-Workshop für die Musik-Leistungskurse des Pestalozzi-Gymnasiums, für dessen Förderung wir Liedstadt gUG danken.

Zum Instrument
Der wertvolle Hammerflügel des Instituts für Musikwissenschaft wird in diesem Jahr 200 Jahre alt. Er ist das älteste erhaltene Exemplar eines ungewöhnlichen Instrumententypus, der weltweit nur sehr selten in Konzerten zu hören ist. Es handelt sich um einen sechs Oktaven umfassenden, durchweg dreichörig besaiteten Hammerflügel der Wiener Firma „Nanette Streicher geb. Stein und Sohn“ aus dem Jahr 1825, mit der von eben dieser Firma 1823 entwickelten und patentierten „oberschlägigen“ Mechanik, bei der die Hämmer von oben auf die Saiten prallen statt von unten, weshalb sie dann durch Federn jeweils wieder zurückgeholt werden müssen. Dementsprechend muss auch die Tastatur höher liegen als üblich (und der Klavierstuhl entsprechend höher gebaut sein). Das Instrument wurde im Jahr 2002 von Robert Brown (Oberndorf am Inn) aufwendig restauriert und wieder spielbar gemacht. Streichers Instrumente sind genau nummeriert und datiert. Daher wissen wir, dass der Flügel 1825 gebaut wurde, das 1.977. Instrument der Firma insgesamt und das neunzehnte mit oberschlägiger Mechanik war.
Die Vorteile der oberschlägigen Mechanik hat Streicher in mehreren Werbeanzeigen umrissen. Weil im Inneren des Flügels kein Raum mehr für die Hammerrotation gelassen werden muss, kann der Korpus verbundener und stabiler gebaut sowie der Resonanzboden vergrößert werden. Damit soll dem Flügel „Stärke, Gleichheit und […] Wohlklang seiner Töne in der Höhe und Tiefe“ verliehen werden. In Wien war nämlich die Konkurrenz der englischen und französischen Klaviere spürbar, die ein deutlich anderes Klangideal verfolgten, deren Mechanik aber für Wiener Verhältnisse als zu schwergängig empfunden wurde. Streicher schaffte es mit den oberschlägigen Flügeln, sich klanglich an die englischen anzunähern, ohne dabei aber das Spielgefühl der Wiener Mechanik aufzugeben, denn der Mechanismus ist hier identisch, nur umgedreht. Außerdem wurden diese Flügel als ideale Konzertinstrumente bezeichnet, weil die höhere Spielposition anmutiger sei und das Publikum die Hände von jeder Position im Raum aus gut sehen könne.
Die Firmeninhaberin Nanette Streicher war 1769 in Augsburg als Tochter des renommierten Klavier- und Orgelbauers Johann Andreas Stein geboren worden und begann als Zehnjährige ihre Ausbildung zur Klavierbauerin. Nach dem Tod ihres Vaters übernahm sie dessen Betrieb und zog 1794 nach Wien, wo sich ihre Werkstatt schnell als eine der führenden Wiener Klavierbau-Firmen etablierte, mit einer Jahresproduktion von bis zu 100 Instrumenten. Sie leitete dabei nicht nur, später unterstützt durch ihren Sohn Johann Baptist Streicher, die Geschäfte – was für eine Frau ungewöhnlich genug war –, sondern war auch handwerklich tätig; insbesondere leistete sie jeweils die für den Klang entscheidende mechanische und intonatorische Feinarbeit. Die oberschlägigen Flügel entwickelte ihr Sohn Johann Baptist, der im Jahr des Patents 1823 in die Firma eintrat und zuvor auf einer langen Reise den englischen und französischen Klavierbau studiert hatte.
Eine besondere Beziehung verband Nanette Streicher mit Beethoven. Ab 1813 brachte sie Ordnung in dessen chaotischen Haushalt und galt als seine „Oberhofmeisterin“. Beethoven schätzte wiederum die Streicher‘schen Klaviere außerordentlich und wird sie in der Werkstatt von Nanette Streicher auch gerne ausprobiert haben, zumal ihn technische Innovationen wie die oberschlägige Mechanik stets interessierten. Franz Schubert besaß (schon mangels einer eigenen Wohnung) wohl nie einen Flügel, komponierte seine Werke aber in ganz besonderer Weise für das Klangspektrum der Wiener Instrumente seiner Zeit: die Hammerflügel von Anton Walter, Conrad Graf oder Nanette Streicher & Sohn.
