Institut für Musikwissenschaft
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DFG-Forschungsprojekt „Fagott“

Von klanglicher Vielfalt zu Uniformität. Entwicklung und Standardisierung der Holzblasinstrumente seit 1800 am Beispiel des Fagottsfagott

Im 19. Jh. wurden alle Instrumente – und besonders die Holzblasinstrumente – tief greifend verändert: Mit einer Vielzahl technischer Lösungen reagierten Instrumentenbauer auf Forderungen der Praxis wie denen nach größerem Klangvolumen, chromatischer Spielbarkeit oder klanglicher Ausgewogenheit, und es entstanden zahlreiche lokale Traditionen wie die eines spezifischen Wiener Instrumentariums. Im späten 19. Jahrhundert setzte dann jedoch eine allmähliche Standardisierung der Holzbläser ein, in deren Verlauf das Instrumentarium sich immer mehr auf Boehm-Flöte, Boehm-Klarinette, französische Oboe mit Conservatoire-System und „Heckel-Fagott“ verengte. Eine Gegenbewegung zur „world uniformity“ im Orchesterklang (Anthony Baines) setzte erst in den letzten Jahrzehnten durch die Historische Aufführungspraxis ein, die durch Musiker ausgelöst wurde, die die Unangemessenheit dieses Instrumentariums für viele Werke der Musikgeschichte erkannten. Inzwischen wird auch Musik des mittleren und späten 19. Jh. mit zeitgenössischen Instrumenten aufgeführt, ohne dass – insbesondere im Falle des Fagotts – bisher wissenschaftlich untermauert wurde, welches konkrete Instrumentarium in dieser Zeit überhaupt zur Verfügung stand. Das Projekt, das dezidiert den Austausch mit der Musikpraxis sucht, will hierzu einen Beitrag liefern.

Um zu klären, welche Faktoren die Standardisierung der Holzblasinstrumente beeinflusst haben, muss die bisher noch lückenhafte Geschichte des Fagotts seit 1800 aufgearbeitet werden, um die Vielfalt an Bauformen, ihre jeweilige Verbreitung sowie die Möglichkeiten und Grenzen überhaupt erstmals zu erfassen. Hierzu wird eine größere Zahl an Instrumenten untersucht und dokumentiert, wobei nicht nur auf Musikinstrumentenmuseen, sondern auch auf umfangreiche Privatsammlungen zurückgegriffen werden kann, welche den Vorteil bieten, dass die Instrumente sich oft in spielbaren Zustand befinden und auch tatsächlich erprobt werden können. Die von den Instrumentenbauern erdachten Detaillösungen sollen dabei nicht bloß dokumentiert, sondern auch daraufhin untersucht werden, welche Probleme der Musikpraxis sie lösen sollten. Um die jeweiligen spieltechnischen Möglichkeiten und Besonderheiten zu rekonstruieren, müssen ergänzend geeignete Quellen aus den zahlreichen verfügbaren Schulen, Traktaten und Grifftabellen hinzugezogen werden.

Da sich der Prozess der Standardisierung durch die Untersuchung der technischen Aspekte allein noch nicht hinreichend erklären lässt, wird ein Ansatz gewählt, der Fragen des Instrumentenbaus, der Musikästhetik, der Kompositionsgeschichte und der Sozialgeschichte vereint. Überraschenderweise zeigt sich nämlich, dass die Verbreitung der verschiedenen Modelle nicht immer unmittelbar an ihre technische Entwicklung gekoppelt ist. Zu klären ist daher auch, welche Rolle einzelne Komponisten und ausführende Künstler bei der Durchsetzung bzw. Verdrängung bestimmter Instrumententypen gespielt haben. Erkenntnisziel des Projekts ist letztlich die Vertiefung der Zusammenhänge von Instrumentarium, Aufführungspraxis und Komposition.

Projektleiter: Dr. Sebastian Werr

Betreuung: Prof. Dr. Hartmut Schick