Institut für Musikwissenschaft
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Erläuterungen zum Programm

01.07.2010

ZUM PROGRAMM

Die 200. Geburtstage von Frédéric Chopin und Robert Schumann am 22. Februar und 8. Juni 2010 bilden den Anlass für ein Konzertprogramm, das einen kleinen Querschnitt durch die Musik der europäischen Romantik bietet − einer Zeit, in der nach dem Ende der Vorherrschaft des italienischen (Opern-)Stils in Europa sich zunehmend nationale Eigentendenzen in der Musik herausbildeten. Carl Maria von Weber und der Ire John Field zeigen, als Angehörige der ersten Romantikergeneration, die deutsche und britische Spielart, Schumann steht für die jüngere deutsche Romantik, der von ihm so geförderte Chopin und Louise Farrenc verkörpern die polnische und französische Romantik. Mit dem Arienthema aus La Cenerentola, das den Flötenvariationen zugrunde liegt, ist zudem auch der führende italienische Komponist der Zeit, Gioachino Rossini, präsent.

Das Programm spiegelt exemplarisch die Besetzungs- und Gattungsvielfalt wider, die für Konzertprogramme des 19. Jahrhunderts noch typisch war: Es zeigt den bunten Wechsel von Solostücken, kleineren und größeren kammermusikalischen Besetzungen, ebenso den Wechsel zwischen ganz verschiedenen Gattungen − anstelle der heute üblichen Gewohn¬heit, im Konzert lediglich Sonaten, Trios oder Quartette aneinanderzureihen. Zwei in tradi¬tionell-„klassischer“ Art mehrsätzige Werke bilden den Rahmen für kleinere Gattungen, die in der Romantik plötzlich ins Zentrum rückten oder überhaupt erst aufkamen: das lyrische Klavierstück (mit John Field, dem Begründer des Nocturne), auch in der Variante mit zusätzlichem Melodieinstrument (Schumanns opus 73), die Konzertetüde mit kompositorisch-musikalischem Anspruch (Chopin) und die in der Romantik so beliebte Opernparaphrase in Form von Variationen über eine bekannte Arienmelodie. Dem steht in Webers Trio mit dem bereits vorab komponierten Satz Schäfers Klage die spezifisch deutsche, nämlich gemütvoll-innige Spielart gegenüber: Variationen über ein Goethe-Lied von Ehlers − ein typisches „Lied im Volkston“, wie es die deutschen Romantiker so schätzten.

Mit dem großen Flötentrio von Louise Farrenc, der erst in den letzten Jahrzehnten wieder¬entdeckten Pariser Pianistin und Komponistin (die als erste Frau überhaupt eine ordent¬liche Instrumentalprofessur innehatte), setzt das Programm zugleich unser Anliegen fort, auch Komponistinnen zu gebührender Anerkennung zu verhelfen. Galt unser letztes Konzert Liedern von Josephine Lang, so kann dieser Abend sinnfällig machen, dass auch Louise Farrenc zu den großen Komponistinnen des 19. Jahrhunderts zählte. Ihr faszinierendes Trio gilt jedenfalls als das bedeutendste Kammermusikwerk, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts für Flöte geschrieben wurde.

 

Der historische HAMMERFLÜGEL, der heute erklingt, stammt aus der Zeit um 1825 und ist eine besondere Rarität, nämlich der älteste noch spielbare Hammerflügel mit oberschlägiger Mechanik. Er stammt aus der Werkstatt von Nannette Streicher, der Tochter des berühmten Augsburger Klavier- und Orgelbauers Johann Andreas Stein. Nannette Streicher, die als Achtjährige Pianistin bereits Mozart begeisterte, betrieb im Wien der Beethoven-Zeit zusammen mit ihrem Mann Andreas Streicher (dem Jugend¬freund Schillers) die damals führende Klavierbau-Werkstatt und ließ sich u.a. eine neuartige oberschlägige Mechanik patentieren, bei der die Hämmerchen von oben statt von unten auf die Saiten schlagen (und dann von Federn wieder zurückgezogen werden). Dies führt, wie bei unserem Flügel, zu einer über den Saiten angesetzten Mechanik und Tastatur und hat sich nur noch in wenigen Exemplaren erhalten.

Der Flügel befindet sich im Besitz des Instituts für Musikwissenschaft und wurde 2001 mit Mitteln der Münchner Universitätsgesellschaft von Robert Brown (Oberndorf am Inn) restauriert und wieder spielbar gemacht. Da Nannette Streicher mit Ludwig van Beethoven befreundet war und dieser in ihrer Werkstatt gerne neue Flügel ausprobierte, ist durchaus vorstellbar, dass Beethoven auch unseren Flügeln einmal gespielt hat; den wunderbar farbigen Klang freilich konnte er kaum noch hören.

Bei früheren Konzerten des Instituts zeigte sich bereits, dass dieser Streicher-Flügel − so schwer er auch zu spielen (und zu stimmen) ist − ideal scheint für die stilgerechte Interpretation der Musik von Beethoven, Schubert und Chopin. Heute hören wir ihn zum erstenmal in einer Kammermusikformation und mit Werken verschiedener anderer Romantiker. Auf das Ergebnis kann man gespannt sein.

 

Gegründet 2007, hat sich das CUVILLIÉS TRIO MÜNCHEN von Beginn an auf die Interpretation von Musik ab 1750 auf historischen Instrumenten − der klassischen Flöte, dem Violoncello und dem Hammerklavier − spezialisiert. Die Klangwelt dieser Zeit anhand bekannter und auch neu entdeckter Werke möglichst authentisch wieder lebendig werden zu lassen, ist ein besonderes Anliegen des Ensembles. Zahlreiche Konzerte in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien und den Niederlanden, Auftritte bei Festivals wie dem Festival Antiqva Barcelona, dem Oude Muziek Festival Utrecht 2009 (als Fabulous Fringe Ensemble) und in verschiedenen Instrumentensammlungen (Schloss Kremsegg, Deutsches Museum München, Schlosskonzerte Bad Krozingen) sowie nicht zuletzt der Publikumspreis bei der International Young Artists Presentation 2009 in Antwerpen belegen den Erfolg des jungen Trios. (Näheres unter www.cuvilliestrio.com)

 

MARJORIE PFISTER beschäftigte sich schon während ihres Querflöten-Studiums, das sie mit dem Konzertdiplom an der HMT Zürich 2006 mit Auszeichnung abschloss, intensiv mit der historischen Aufführungspraxis. Seit 2004 nahm sie an Meisterkursen mit Vincent Dumestre, Guy van Waas und Frederick Haas teil. Unterricht in Travers- und klassischer Flöte erhielt sie bei Michael Schmidt-Casdorff an der HMT München (Konzertdiplom 2008), Jan de Winne und Barthold Kuijken. Die Flötistin führt eine rege Konzerttätigkeit als Solistin, Kammermusikpartnerin und im Orchester im In- und Ausland (u.a. im Parlement de Musique de Strasbourg, im Ensemble Baroque du Léman und in der Académie Ambronay). Sie ist Preisträgerin verschiedener nationaler und internationaler Wettbewerbe und Stipendien.

 

ANGELIKA HÖRTLER stammt aus Österreich. Sie studierte Violoncello am Bruckner-Konservatorium Linz und am Mozarteum Salzburg. Ihr Interesse für die historische Aufführungspraxis führte sie an die HMT München, wo sie bei Kristin van der Goltz Barockvioloncello studierte, und an das Koninklijk Conservatorium Den Haag zu Jaap ter Linden. Angelika Hörtler erweiterte ihre Studien u.a. durch Kurse bei Viola de Hoog, dem Freiburger Barockorchester und dem Venice Baroque Orchestra. Sie konzertierte bei verschiedenen internationalen Festivals wie den Ludwigsburger Schlossfestspielen, den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik oder den Donaufestwochen Strudengau und mit Ensembles wie dem Göttinger Barockorchester, der Neuen Potsdamer Hofkapelle und der Wiener Akademie.

 

VARVARA MANUKYAN wurde in Yerevan (Armenien) geboren. Sie studierte Klavier am Moskauer Gnessin-Konservatorium bei Irina Naumova und anschließend Konzertfach Cembalo und Hammerklavier bei Olga Martynova am Moskauer Tschaikowsky-Konserva¬torium, wo sie mit Auszeichnung abschloss. Es folgte ein Aufbaustudium, das sie 2005 an der HMT München bei Christine Schornsheim fortsetzte und mit dem Meisterklassen¬diplom beendete. Ihre Studien erweiterte sie noch durch Meisterklassen u.a. bei Davitt Moroney, Ton Koopman und Andreas Staier. Ihre Konzerttätigkeit als Solistin und Kammermusikerin am Cembalo und Hammerflügel führte Varvara Manukyan durch Europa und Asien. Ihr Repertoire umfasst Werke aus Barock, Klassik und Romantik, aber auch Neue Musik. Zur Zeit lebt sie in München, wo sie u.a. bei der Bayerischen Philharmonie als Cembalistin tätig ist.

 


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